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Das letzte Glas Wein

Seitensprung Kurzgeschichten · Lesedauer ca. 11 Min · Ab 18 Jahren

Das leere Weinglas in Lenas Hand beschreibt einen trägen Kreis auf der polierten Theke, bevor der Barmann es mit einem geübten Griff auffängt. Sie hält den Atem an, entlässt ihn stockend in den Lärm der Bar. Der Raum ist voll, aber sie hört nur das Klirren der Gläser und das leise Sirren der Klimaanlage, die die stickige Luft nicht kühlt. Ihr Blick wandert über die Gesichter der Männer: Geschäftsleute mit gelockerten Krawatten, eine Gruppe Lachender in der Ecke, ein Einzelner am Ende des Tresens.

Dieser letzte Mann – er ist anders. Grauer Anzug, aber das Jackett hängt über der Stuhllehne, die Ärmel bis zu den Ellbogen hochgekrempelt. Seine Hände liegen flach auf der Tischplatte, breit, die Nägel kurz und sauber. Kein Ehering. Er nippt an einem Whiskey, ohne sie anzusehen, doch sie spürt seine Präsenz wie eine Welle, die unter ihrer Haut kriecht, ein Prickeln im Nacken.

Die Berührung der Blicke

Als er den Kopf hebt, hält sein Blick eine Sekunde zu lang an ihr. Graue Augen, dunkel umrandet, mit einer Intensität, die sie durchbohrt. Lena schaut weg, greift nach ihrer Handtasche, aber ihre Finger bleiben darauf liegen, ohne sie zu öffnen. Ihr Herz hämmert im Hals, ein leichter Schweißfilm auf dem Nacken. Warum ist sie hier? Nur ein Drink, hatte sie sich gesagt. Eine Stunde Auszeit von Markus, der mit seinem Tablet auf dem Sofa hockt und Zahlen durchgeht. Ein Atemzug zwischen Abendessen und Bett.

Der Mann rutscht vom Barhocker und kommt auf sie zu. Seine Bewegungen sind flüssig, ohne Hast, als würde er durch Wasser gehen. Er stellt sich neben sie, bestellt zwei Gläser Rotwein, schiebt ihr eines hin. „Auf den Zufall“, sagt er, und seine Stimme ist tief, rauchig, wie Kies unter schweren Schuhen.

„Ich trinke nicht mit Fremden“, sagt Lena und hebt das Glas dennoch. Der Wein ist schwer, legt sich warm auf ihre Zunge, hinterlässt eine Spur von Brombeeren und Erde.

„Ich heiße Felix. Jetzt bin ich kein Fremder mehr.“

Sie lacht, ein kurzes, trockenes Geräusch, das in der Kehle hängen bleibt. „Lena. Aber ich muss gleich gehen.“

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„Natürlich. Noch ein Schluck?“

Sie trinkt, und der Wein wärmt ihren Magen, löst die Spannung in ihren Schultern, sickert in ihre Glieder. Felix lehnt sich mit dem Ellbogen auf die Theke, dreht sich halb zu ihr. Sein Oberschenkel streift ihren, nur für einen Herzschlag, und ihr ganzer Körper zuckt, als hätte sie eine offene Leitung berührt.

Der Kuss, der alles öffnet

Sie redet über ihren Job in der Buchhaltung, über die Hitze draußen, über die laute Musik. Ihre Stimme zittert nicht, aber ihre Knie sind weich wie Butter. Felix hört zu, nickt, stellt Fragen, die sie zum Lächeln bringen. Als sie eine Haarsträhne hinters Ohr streicht, greift er nach ihrer Hand, dreht sie um, legt seine Lippen auf ihr Handgelenk.

Lena erstarrt. Seine Lippen sind weich, warm, und der Kuss ist federleicht, aber er saugt die Luft aus dem Raum, hinterlässt ein Vakuum, in dem nur noch sein Mund und ihre Haut existieren. Sie starrt auf seinen Scheitel, auf die feinen Linien in seinem Nacken, denkt: Ich sollte aufstehen. Stattdessen presst sie die Knie zusammen unter dem Tresen, spürt die Feuchtigkeit, die sich zwischen ihren Schenkeln sammelt, eine warme, drängende Nässe.

„Komm“, sagt Felix, und er lässt ihre Hand los, greift nach seinem Jackett, legt einen Schein auf die Theke. „Ich kenne einen Ort, fünf Minuten zu Fuß. Einen Garten.“

„Ich sollte…“

„Fünf Minuten“, wiederholt er, und sein Blick ist fest, ohne Drängen, aber mit einer Sicherheit, die sie durchströmt wie der Wein. Sie nickt, und ihre Kehle ist trocken.

Sie steht auf. Ihre Beine tragen sie, als sie hinter ihm her zur Tür geht. Die Nachtluft schlägt ihr entgegen, lau und feucht, und der Asphalt glänzt unter den Laternen, als hätte es gerade geregnet. Felix geht schnell, nicht zu schnell, und sie folgt ihm um die Ecke, vorbei an einem geschlossenen Laden, durch eine schmale Gasse, die nach nassem Stein und Urin riecht. Am Ende öffnet sich ein kleiner versteckter Hof, efeuüberwuchert, voller Schatten, in denen das Mondlicht zittert. Eine Holzbank lehnt an der Wand, das Holz morsch und grau.

„Hier“, sagt er und dreht sich zu ihr. Seine Hände finden ihre Hüften, ziehen sie sanft an sich. Sie spürt seinen Körper, fest, warm, und der Geruch von Whiskey und Mann umhüllt sie. Er küsst sie, und dieser Kuss ist anders als der auf dem Handgelenk – fordernd, seine Zunge schiebt sich zwischen ihre Lippen, und sie öffnet sich, schlingt die Arme um seinen Hals. Seine Hände gleiten über ihren Rücken, unter den Saum ihrer Bluse, und seine Finger sind kühl auf ihrer heißen Haut, ein Schock, der sie noch tiefer in den Kuss treibt.

Hände, die fordern

Felix drückt sie gegen die Mauer, der raue Stein bohrt sich durch den dünnen Stoff ihrer Bluse, hinterlässt ein Netz von Abdrücken auf ihrem Rücken. Sie stöhnt in seinen Mund, und er löst den Kuss, um ihren Hals zu erkunden, die Kuhle über dem Schlüsselbein, die Stelle hinter dem Ohr, wo ihr Puls wild schlägt. Lena keucht, krallt die Finger in sein Hemd, die Knöpfe springen unter ihren Händen. „Ich… wir sollten…“, flüstert sie, aber ihre Hände öffnen selbst die Knöpfe, reihenweise, und sie spürt seine nackte Brust unter ihren Fingern, die Haut glatt, die Muskeln darunter hart.

Er lacht leise, sein Atem flattert auf ihrer Brust. „Sollten wir?“, murmelt er und holt ein Kondom aus seiner Hosentasche. Die Verpackung glänzt im Mondlicht, silbern, fremd. Lena schluckt. Kein Zurück mehr. Der Gedanke jagt durch ihren Kopf, aber ihr Körper hat längst entschieden.

Seine Hände schließen sich um ihren Rock, ziehen ihn über ihre Hüften, und der Nylonstrumpf reißt leise unter seinen Fingern, ein scharfes Geräusch in der Stille. Sie hebt das Becken, als er den Slip zur Seite schiebt, und seine Finger streichen über ihre Schamlippen, ertasten die Feuchte, die sie nicht verbergen kann. Sie beißt sich auf die Lippe, als seine Finger in sie gleiten, zwei, dann drei, dehnen sie, massieren von innen. Ihr Kopf fällt zurück gegen die Mauer, und sie sieht den Himmel, ein dunkles Blau, durchbrochen von einem einzelnen Stern, der kalt und fern blinkt.

„Du bist nass“, haucht er, und seine Stimme ist rau, kratzig. „Du hast keine Ahnung, wie sehr ich das wollte, seit ich dich gesehen habe. Seit du den Wein bestellt hast, mit diesen Händen, die gezittert haben.“

„Hör auf zu reden“, keucht sie und greift nach seinem Gürtel, öffnet ihn mit zitternden Fingern, das Metall klirrt leise. Die Hose fällt, und sein Glied steht frei, steif, die Eichel glänzt feucht im Mondlicht, ein Tropfen an der Spitze. Sie umfasst ihn, spürt das Pulsieren unter ihrer Hand, die Wärme, und ein Schauder jagt durch ihren Arm. Felix zischt, legt seine Hand über ihre, führt sie einmal auf und ab, dann nimmt er ihr das Kondom ab, reißt die Verpackung mit den Zähnen auf, rollt es mit einer schnellen Bewegung über sich, glatt und eng.

Er hebt ihr Bein, wickelt es um seine Hüfte, und sie spürt die Krümmung seines Glieds gegen ihre Innenseite, die Spannung in ihrem Oberschenkel. Dann stößt er zu, langsam, zentimeterweise, und sie keucht auf, als er sie ausfüllt, sie dehnt, sie an den Rand ihrer selbst bringt. Ihre inneren Muskeln spannen sich um ihn, und er verharrt, lässt sie sich anpassen. „Okay?“, flüstert er, sein Atem heiß an ihrem Ohr.

„Ja, Gott, ja.“ Ihre Stimme ist ein Krächzen, fremd in ihren eigenen Ohren.

Der verbotene Rausch

Er beginnt sich zu bewegen, ein gleichmäßiger Rhythmus, der sie gegen die Mauer drückt. Lenas Knie werden weich, sie klammert sich an seine Schultern, gräbt die Nägel in seine Haut. Jeder Stoß ist ein kleiner Schock, der durch ihren Leib jagt, und sie spürt, wie sich die Spannung aufbaut, tief in ihr, ein fester Knoten, der sich immer weiter zusammenzieht. Sie presst die Lippen zusammen, um nicht zu schreien, aber ein Stöhnen entkommt ihr, erstickt, wild, und sie beißt sich auf die Unterlippe, um es zurückzuhalten.

Felix beschleunigt, sein Atem geht stoßweise, seine Hüften schlagen gegen ihre, und seine Hand wandert zwischen ihre Körper, findet ihren Kitzler, reibt mit dem Daumen darüber im Takt seiner Stöße. Lenas Augen rollen zurück, ihr Körper wird zu einer einzigen Linie der Spannung, jeder Muskel gespannt, jeder Nerv bloß. Die Welt reduziert sich auf das Gefühl seiner Haut auf ihrer, seiner Finger auf ihrer Lust, seines Glieds, das sie dehnt, ausfüllt, reibt an dem Punkt, der sie taumeln lässt.

„Komm“, zischt er, und seine Stimme klingt wie ein Befehl, der keine Wahl lässt. „Komm jetzt, Lena.“

Und sie gehorcht. Der Knoten reißt, und die Welle kommt, eine Flut, die sie fortreißt von der Mauer, von der Gasse, von ihrem eigenen Namen. Ihr Körper zuckt in seinen Armen, und sie spürt, wie sie sich um ihn zusammenzieht, immer wieder, während er einen tiefen Laut ausstößt und sich in sie presst, seine Hüften gegen ihre drückt, bis er still steht.

Sie stehen im Schatten, ineinander verschlungen, und der Schweiß auf ihrer Haut kühlt in der Nachtluft. Lenas Herz hämmer gegen seine Brust, und sie kann nichts denken, nur atmen, ein schweres, zufriedenes Keuchen. Felix küsst ihre Stirn, ihre Nasenspitze, ihren Mund, und dieser Kuss ist weich, fast zärtlich, eine Andeutung von etwas, das nicht sein darf. Er tritt zurück, und sie spürt die Leere, die er hinterlässt, ein kaltes Loch in ihrem Bauch.

Der Nachhall

Sie richten sich schweigend her. Er hilft ihr den Rock hochzuziehen, streicht den zerrissenen Strumpf glatt, seine Finger verweilen einen Moment auf ihrer Hüfte, und sie lacht, ein befreiendes, leichtes Lachen, das in der Stille der Gasse verhallt, ein fremder Klang in der Dunkelheit. Der Knoten in ihrer Brust ist verschwunden, und sie fühlt sich leicht, als wäre sie aus ihrer eigenen Haut geschlüpft, als hätte sie etwas abgestreift, das sie zu lange getragen hat.

„Danke“, sagt sie, und es klingt albern, aber es ist ehrlich, und sie meint es nicht für den Sex, sondern für das Gefühl, lebendig zu sein.

Er lächelt, schief und warm, seine Augen funkeln im schwachen Licht. „Ich heiße Felix.“

„Weiß ich doch.“ Ihr Lächeln ist müde, aber echt.

Sie gehen zurück durch die Gasse, ihre Schritte hallen auf dem Pflaster, und die Lichter der Bar tauchen wieder auf, gelb und warm. Ein Taxi steht an der Ecke, der Fahrer liest Zeitung unter der Leselampe. Lena hält an, dreht sich zu Felix um. „Ich habe einen Mann zu Hause.“

„Ich weiß“, sagt er, und es liegt kein Urteil in seiner Stimme, nur eine leise Traurigkeit.

„Das war… einmalig.“ Sie sagt es mehr zu sich selbst als zu ihm.

Er nickt, steckt die Hände in die Hosentaschen, seine Schultern heben und senken sich. „Wenn du noch mal einen Zufall brauchst – ich bin oft hier. Gleicher Platz, gleicher Whiskey.“

Sie steigt ins Taxi, gibt ihre Adresse durch, ihre Stimme fest. Als das Auto anfährt, sieht sie ihn im Rückspiegel, einen Schatten unter der Laterne, der kleiner wird, bis er mit der Dunkelheit verschmilzt. Sie lehnt den Kopf gegen die kühle Scheibe, und ein Lächeln breitet sich auf ihrem Gesicht aus, langsam, wie eine Blüte, die sich öffnet. Morgen wird sie wieder in ihrem Leben sein, in der Buchhaltung, auf dem Sofa neben Markus, der ihre Abwesenheit nicht bemerkt hat. Aber heute Nacht hat sie sich selbst gefunden, in den Armen eines Fremden, in einer versteckten Gasse, unter dem unbestechlichen Himmel, der keine Fragen stellt.

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