Das Déjà-vu traf mich mit voller Wucht, als ich im Foyer vor dem Spiegel stand und den Saum meines Kleides glattstrich. Vor fünfzehn Jahren, beim Abschlussball, hatte ich mich genauso gefühlt: das Flattern im Bauch, die feuchten Handflächen, die leise Panik, nicht zu genügen. Nur dass ich damals noch glaubte, das Leben ließe sich in geordnete Bahnen lenken. Jetzt wusste ich es besser. Jetzt war ich verheiratet, Mutter zweier Kinder, und stand hier, in einem viel zu teuren Kleid, das mir mein Mann zum Jubiläum geschenkt hatte – und dachte an einen anderen.

Mein Mann, Thomas, war schon drinnen, irgendwo zwischen den Kollegen, mit denen er über Absatzzahlen und Quartalsbilanzen diskutierte. Er liebte solche Abende. Ich hasste sie. Die immergleichen Gespräche, das aufgesetzte Lachen, seine Hand auf meinem Rücken, die mir sagen sollte: Sieh her, das ist meine Frau, die Perle. Und ich spielte meine Rolle perfekt. Lächeln, nicken, Smalltalk. Niemand ahnte, dass meine Gedanken woanders waren.
Ich war noch keine zehn Minuten im Saal, da sah ich ihn. Er stand an der Bar, ein Glas Rotwein in der Hand, und unterhielt sich mit einem älteren Herrn. Sein Name war Simon. Mein Jugendfreund, meine erste große Liebe, der Junge, mit dem ich heimlich im Schulkeller geknutscht und von der Zukunft geträumt hatte. Die Jahre hatten ihn gezeichnet – ein paar graue Strähnen an den Schläfen, feine Fältchen um die Augen – aber seine Ausstrahlung war dieselbe. Diese Ruhe, diese souveräne Gelassenheit, die mich schon damals anzog. Sein Blick streifte durch den Raum und blieb an mir hängen. Für einen Moment vergaß ich zu atmen.
Er kam auf mich zu, mit langsamen, bedächtigen Schritten, als hätte er alle Zeit der Welt. „Lena“, sagte er leise, und mein Name klang in seinem Mund wie eine Melodie. „Du siehst umwerfend aus.“ Ich lachte nervös. „Du auch, Simon. Was machst du hier?“ Er erzählte mir, dass er jetzt als Berater für die Firma arbeitete, dass er vor zwei Jahren geschieden worden war, dass er inzwischen in Berlin lebte. Ich hörte nur halb zu. Meine Sinne waren überflutet von seiner Nähe, dem vertrauten Duft seines Rasierwassers, der Art, wie er die Stirn runzelte, wenn er sprach.
Der Abend zog sich hin. Thomas war in seinem Element, ich spürte seine Hand nicht mehr auf meinem Rücken. Simon und ich fanden uns immer wieder an der Bar, auf der Terrasse, im halbdunklen Gang neben dem Tagungsraum. Jedes Mal brannte die Berührung seiner Finger, wenn er mir ein Glas reichte, wie ein kleines Feuer. Irgendwann, es mochte gegen elf Uhr sein, sagte er: „Komm, lass uns hier abhauen. Ich kenne einen Ort, zwanzig Minuten von hier. Einen Strand am See.“ Ich sah zu Thomas hinüber, der mit dem Chef lachte. Mein Herz hämmerte. „Ich kann nicht“, flüsterte ich. Aber meine Füße trugen mich bereits zur Tür, meinen Mantel in der Hand.
Die Entscheidung
Im Auto war es still. Simon fuhr schnell, aber nicht riskant. Ich lehnte den Kopf ans Fenster und sah zu, wie die Lichter der Stadt an mir vorbeizogen. Was tat ich hier? Ich war eine verheiratete Frau, Mutter von zwei Kindern. Und doch spürte ich, dass dieser Ausbruch notwendig war, seit Langem notwendig. Nicht gegen Thomas, nicht gegen meine Familie – sondern für mich. Um zu fühlen, wer ich jenseits aller Rollen war.
Der Strand war verlassen. Der See lag schwarz und ruhig unter einem wolkenlosen Himmel. Mondlicht zeichnete eine silberne Spur auf das Wasser. Simon zog seine Jacke aus und breitete sie auf dem Sand aus. Ich setzte mich neben ihn, die Knie an die Brust gezogen. Wir sprachen über alte Zeiten, über unsere Jugendträume. „Weißt du noch, wie wir auf dem Schuldach gesessen haben und rauchten, obwohl wir keine Raucher waren?“, fragte ich. Er lachte. „Ja. Und du meintest, du würdest nie jemanden heiraten, der dich langweilt.“ Ich biss mir auf die Lippe. Thomas war nicht langweilig, aber er war vorhersagbar. Alles mit ihm war geplant, sicher, kalkulierbar. Simon war das Gegenteil. Er war der Sturm, der meine Fassade zum Wanken brachte.
Seine Hand fand meine. Die Berührung war sanft, fast zögerlich, aber sie brannte auf meiner Haut. Ich sah ihn an, sah das Verlangen in seinen Augen, das ich in Thomas‘ Augen schon lange nicht mehr gesehen hatte. „Ich will dich küssen, Lena“, sagte er. Mehr nicht. Es war eine Feststellung, keine Frage. Und ich nickte, unfähig zu sprechen.
Der Kuss
Seine Lippen waren weich und warm, als sie meine trafen. Anfangs noch sanft, forschend, als müssten wir uns erst wieder aneinander gewöhnen. Aber dann, als ich den Mund öffnete und seine Zunge spürte, wurde der Kuss hungrig, fordernd. Es war, als ob die fünfzehn Jahre, die wir nicht geküsst hatten, in diesem einen Kuss nachgeholt wurden. Seine Hände wanderten von meinem Gesicht über meinen Nacken, hinunter zu meinen Schultern. Ich spürte, wie der Reißverschluss meines Kleides sich öffnete, leise surrend. Der Stoff fiel von mir, und die kühle Nachtluft auf meiner nackten Haut ließ mich erschauern.
Simon zog sich einen Moment zurück, um mich anzusehen. Sein Blick wanderte über meinen Körper, und ich fühlte mich nicht etwa ausgeliefert, sondern schön. Begehrt. „Du bist so schön, Lena“, murmelte er. Seine Lippen fanden meinen Hals, meine Schlüsselbeine, die empfindliche Stelle unter meinem Ohr. Ich stöhnte leise, als seine Zunge über meinen Brustansatz strich. Mein BH war schnell geöffnet, und dann seine warme Hand auf meiner Brust, die meinen Nippel zwischen Daumen und Zeigefinger nahm und sanft rollte. Ein Schauer durchfuhr mich, heiß und kalt zugleich. Meine Hand wanderte in sein Haar, zog ihn näher, während sein Mund meine Brust umschloss. Er saugte, leckte, biss sanft, und ich spürte, wie die Feuchtigkeit zwischen meinen Beinen wuchs.
„Ich will dich spüren“, flüsterte ich heiser. Er richtete sich auf, zog sein Hemd aus, dann seine Hose. Im Mondlicht war er schön, durchtrainiert, aber nicht muskulös. Sein Glied stand aufrecht, die Spitze feucht im blassen Licht. Ich streckte die Hand aus, umfasste ihn, genoss seine Wärme, die seidige Haut über der Härte. Er stöhnte auf, als meine Hand sich bewegte, auf und ab. „Nicht, zu schnell“, keuchte er, und ich ließ los.
Die Hingabe
Er half mir aus dem Kleid, das nun unter uns auf dem Sand lag. Seine Finger fanden meinen Slip, schoben ihn zur Seite. Ich war bereit, nass und heiß, und als er mit einem Finger über meine Spalte strich, von der Klitoris bis zum Eingang, zuckte ich zusammen. „Bitte“, flehte ich. Aber er ließ sich Zeit. Er kniete sich zwischen meine Beine, beugte sich vor, und ich spürte seinen Atem, warm auf meiner intimsten Stelle. Dann seine Zunge, ein langer, breiter Strich von vorne bis hinten, der mich aufstöhnen ließ. „Simon…“, keuchte ich, und während ich mich in den Sand krallte, umkreiste seine Zunge meine Klitoris, mal sanft, mal fester, bis ich dachte, ich würde zerspringen.
„Komm für mich“, hörte ich ihn murmeln, und sein Mund wurde fordernder. Seine Finger drangen in mich ein, zwei, während seine Zunge weiter arbeitete. Der Rhythmus war perfekt, er kannte meinen Körper, als hätte er ihn nie verlassen. Ich kam mit einem Schrei, der über den stillen See hallte, und während die Wellen der Lust durch mich rollten, hörte ich nicht auf zu zittern.
Er zog mich auf seine Knie, mein Gesicht vor seinem. „Jetzt du“, sagte ich und schob ihn sanft auf den Rücken. Ich beugte mich über ihn, nahm seinen harten Penis in den Mund. Der Geschmack von Salz und Haut, sein leises Stöhnen, als ich ihn tief nahm, trieb mich an. Ich spürte seinen Puls auf meiner Zunge, die Spannung in seinen Oberschenkeln, als er sich zurückhielt. „Ich will in dir sein“, stöhnte er. Ich richtete mich auf, setzte mich rittlings auf ihn, führte ihn Zentimeter für Zentimeter in mich ein. Wir stöhnten beide auf, als er mich ganz ausfüllte.
Die Vereinigung
Ich begann mich zu bewegen, langsam, kreisend, seine Hände auf meinen Hüften. Der Rhythmus wurde schneller, wilder, bis unsere Körper im Takt der Wellen des Sees schlugen. Jeder Stoß ließ mich die Kontrolle verlieren, ließ mich spüren, wie ich in die Tiefe fiel, ohne Boden unter den Füßen. Sein Atem wurde flacher, sein Stöhnen lauter, und ich wusste, dass auch er kurz davor war. „Komm mit mir“, flüsterte ich, und als seine Hüften sich nach oben pressten, sein Körper sich versteifte, ließ ich mich fallen. Unser gemeinsamer Höhepunkt war ein einziger langer, zitternder Stoß, der uns beide erschütterte. Ich kippte nach vorne, legte meinen Kopf auf seine Brust, hörte sein Herz rasen. Nichts existierte mehr außer diesem Moment, diesem Körper unter mir, der hin und wieder noch zuckte.
Wir blieben lange so liegen. Der Sand kühlte unsere Haut, aber ich wollte mich nicht bewegen. Erst als der Wind auffrischte, richteten wir uns auf, zogen uns schweigend an. Auf der Rückfahrt hielt er meine Hand. Wir sprachen nicht. Was hätten wir auch sagen sollen? Dass diese eine Nacht alles verändert hatte? Dass ich in Thomas‘ Armen nie wieder so frei sein würde wie hier, im Auto eines fast Fremden?
Der Nachklang
Am nächsten Morgen lag ich neben Thomas, sah ihn im Schlaf an, die weichen Züge seines Gesichts. Er hatte nicht bemerkt, wie spät ich gekommen war. Ich hatte eine schlechte Ausrede parat, und er hatte sie geschluckt. Aber ich wusste, dass ich ihn von nun an mit anderen Augen sehen würde. Nicht schlechter, aber anders. Und wenn ich abends unter der Dusche stand und das Wasser über meine Brüste rann, dachte ich an die Hände eines Mannes, der mich an einem See im Schatten der Nacht geliebt hatte.
Simon rief mich eine Woche später nicht. Ich rief ihn auch nicht. Vielleicht war es besser so. Vielleicht war diese eine Nacht genau das, was sie sein sollte: ein einziger, perfekter Ausbruch aus der Ordnung, ein Diebstahl, für den niemand zur Rechenschaft gezogen wurde. Aber die Erinnerung blieb, warm unter meiner Haut, wie ein Geheimnis, das zu schwer war, um es zu tragen, und zu kostbar, um es zu vergessen.
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